Eine Reflexion in der Pflegeausbildung beschreibt eine konkrete Situation aus der Praxis, ordnet Deine Gedanken und Gefühle dazu ein und leitet daraus einen nächsten Schritt ab. Bewährte Strukturen dafür liefern die Modelle nach Gibbs, Korthagen, Driscoll und Rolfe. Unten findest Du eine Schritt-für-Schritt-Vorlage, ein ausformuliertes Beispiel, die Modelle im Vergleich und die häufigsten Fehler.
Inhalt
Wie schreibe ich eine Reflexion?
Du beschreibst zuerst kurz die Situation, dann hältst Du Deine Gedanken und Gefühle dazu fest. Danach bewertest Du, was gut lief und was schwierig war, suchst nach Gründen und ziehst eine Schlussfolgerung mit einem konkreten nächsten Schritt. Diese Reihenfolge folgt dem Reflexionszyklus nach Gibbs. Quelle: Graham Gibbs, „Learning by Doing“, 1988.
Eine Reflexion ist kein Tagebucheintrag. Sie braucht eine Struktur, sonst bleibt sie bei „war gut“ oder „war nicht so gut“ stehen. Genau das passiert Auszubildenden häufig, wenn sie zum ersten Mal nach ihrem Erleben gefragt werden.
Schreib in der Ich-Form. Bleib in der Reflexion bei einer einzigen, klar abgegrenzten Situation. Eine ganze Schicht in einem einzigen Text zu reflektieren, funktioniert nur selten gut. Ein einziger Moment, ein Perspektivwechsel oder eine Erkenntnis reicht dafür meistens völlig aus.
Wie lang eine Reflexion in der Prüfung sein soll, legt die jeweilige Schule oder Prüfungsordnung fest. Eine bundesweit einheitliche Vorgabe dafür ist uns nicht bekannt. Frag im Zweifel Deine Praxisanleitung oder Lehrkraft direkt nach der geforderten Länge.
Was gehört in eine Reflexion der Ausbildungssituation?
Eine vollständige Reflexion der Ausbildungssituation nennt den Kontext, Deine Rolle darin, Dein Handeln, Deine Gefühle während und danach, eine begründete Bewertung und eine Konsequenz fürs nächste Mal. Fehlt einer dieser Punkte, wirkt der Text schnell wie eine reine Nacherzählung.
Diese sieben Punkte gehören hinein:
- Ausgangssituation: Wo warst Du, mit wem zusammen, und in welcher Phase Deiner Ausbildung?
- Deine Rolle: Hast Du an diesem Tag selbstständig gehandelt, unter Anleitung gearbeitet oder nur beobachtet?
- Konkretes Handeln: Was genau hast Du in diesem einen Moment gesagt oder getan?
- Gedanken und Gefühle: Was ist Dir während der Situation durch den Kopf gegangen?
- Bewertung mit Begründung: Was lief an diesem Tag gut, was nicht, und woran lag das?
- Bezug zu Theorie oder Modell: Welches Wissen aus dem Unterricht oder der Fachliteratur passt dazu?
- Schlussfolgerung und nächster Schritt: Was machst Du in einer ähnlichen Situation beim nächsten Mal anders?
Jeder Abschnitt sollte für sich verständlich sein. Wer nur den letzten Punkt liest, sollte trotzdem erkennen, worum es in der Situation ging.
Reflexionsmodelle in der Pflege im Vergleich
Vier Modelle prägen die Reflexion in Pflege und Pädagogik: Gibbs, Korthagen, Driscoll und Rolfe. Alle vier führen Dich von der Beschreibung einer Situation zu einer konkreten Handlung. Sie unterscheiden sich vor allem in der Anzahl der Schritte und im Schwerpunkt.
| Modell | Urheber und Jahr | Schritte | Wofür geeignet |
|---|---|---|---|
| Gibbs Reflective Cycle | Graham Gibbs, 1988 | Beschreibung, Gefühle, Bewertung, Analyse, Schlussfolgerung, Aktionsplan | Ausführliche schriftliche Reflexionen, Prüfungen |
| Korthagen ALACT-Modell | Fred Korthagen, seit 1993 entwickelt | Handlung, Rückblick, Bewusstwerden wesentlicher Aspekte, Alternativen entwickeln, Ausprobieren | Reflexionsgespräche in der praktischen Anleitung |
| Driscoll-Modell | John Driscoll, 1994 | Was?, Na und?, Was jetzt? | Kurze, schnelle Reflexion direkt nach dem Dienst |
| Rolfe-Modell | Rolfe, Freshwater und Jasper, 2001 | Was?, Na und?, Was jetzt?, mit erweiterten Leitfragen | Vertiefte Reflexion im Studium und in der Supervision |
Driscoll und Rolfe stellen dieselben drei Fragen: Was, na und, was jetzt. Sie gehen beide auf Terry Borton zurück, der sie 1970 zuerst formulierte. Quelle: Terry Borton, „Reach, Touch and Teach“, 1970. Driscoll entwickelte seine Fassung unabhängig davon, ohne Bortons Arbeit zu kennen.
Für die Ausbildung passt meist Gibbs, weil er sechs klare Schritte vorgibt und in Prüfungen häufig verlangt wird. Für ein kurzes mündliches Reflexionsgespräch reicht oft schon Driscoll. Korthagen eignet sich vor allem dann, wenn eine Praxisanleitung gemeinsam mit Dir reflektiert, nicht Du allein.
Beispiel: Reflexion einer Ausbildungssituation
Das folgende Beispiel ist frei erfunden. Es zeigt, wie eine vollständige Reflexion nach dem Modell von Gibbs aussehen kann. Namen und Einrichtung sind fiktiv.
Beschreibung
Ich bin im dritten Ausbildungsjahr und hatte Frühdienst auf einer Wohngruppe für acht Bewohnerinnen und Bewohner. Kurz vor der Übergabe rief die Tochter einer Bewohnerin an, und ich sprach fast zehn Minuten mit ihr. Danach übergab ich an den Spätdienst, ohne zu erwähnen, dass Frau K. an diesem Morgen wenig getrunken und unruhig gewirkt hatte.
Gedanken und Gefühle
Während des Telefonats fühlte ich mich unter Druck, weil die Übergabe schon wartete. Ich war erleichtert, als ich pünktlich fertig war. Erst als die Kollegin vom Spätdienst mich Stunden später fragte, ob Frau K. schon den ganzen Tag so wenig getrunken habe, wurde mir mein Fehler bewusst. Ich schämte mich dafür.
Bewertung
Gut war, dass ich der Angehörigen zugehört und ihre Sorgen ernst genommen habe. Schlecht war, dass eine pflegerisch relevante Beobachtung dadurch unterging. Die Kollegin bemerkte die geringe Trinkmenge erst beim Nachmittagskaffee und musste die Verzögerung dann selbst aufholen.
Analyse
Der eigentliche Grund war Zeitdruck kurz vor der Übergabe, keine böse Absicht dabei. Ich hatte keine feste Routine, mir Beobachtungen sofort zu notieren, sondern verließ mich allein auf mein Gedächtnis. Genau das versagte, weil das Telefonat dazwischenkam. Das eigentliche Problem war also nicht das Gespräch, sondern das fehlende Notizsystem.
Schlussfolgerung
Eine wichtige Beobachtung darf nicht vom Zufall abhängen, ob ich sie noch im Kopf habe. Ich brauche eine schriftliche Stütze, die ich in jeder Situation griffbereit habe, auch wenn etwas Unerwartetes dazwischenkommt.
Handlungsplan
Ich trage jetzt einen kleinen Notizblock in der Kitteltasche und schreibe Auffälligkeiten sofort auf, bevor ich sie vergessen kann. Bei der nächsten Übergabe gehe ich meine Notizen aktiv durch, statt mich allein auf mein Gedächtnis zu verlassen.
Arbeitsvorlage zum Ausdrucken
Reflexion einer Ausbildungssituation
Zwei Seiten mit allen sechs Schritten und den Leitfragen dazu. Ausdrucken, mit der Hand ausfüllen, ins Gespräch mitnehmen.
PDF, 2 Seiten, A4. Ohne Formular und ohne E-Mail-Adresse.
Vorlage zum Selberschreiben
Diese sieben Schritte kannst Du für jede eigene Reflexion nutzen. Beantworte die Leitfragen in ganzen Sätzen, dann ergibt sich der Text fast von selbst.
- Situation beschreiben. Wo und wann war das, wer war beteiligt, und was genau ist passiert?
- Deine Rolle klären. Hast Du gehandelt, beobachtet oder unterstützt, und wer hat Dich dabei angeleitet?
- Gedanken und Gefühle festhalten. Was ist Dir durch den Kopf gegangen, und wie hast Du Dich danach gefühlt?
- Bewerten, mit Begründung. Was lief gut und was nicht, und woran genau erkennst Du das jeweils?
- Ursachen analysieren. Warum ist es so gelaufen, und welches Wissen aus dem Unterricht erklärt die Situation?
- Schlussfolgerung ziehen. Was hast Du daraus gelernt, und was würdest Du beim nächsten Mal anders machen?
- Handlungsplan formulieren. Welchen konkreten nächsten Schritt nimmst Du Dir vor, und woran erkennst Du, dass er funktioniert hat?
Häufige Fehler bei der Reflexion
- Nur beschreiben, nicht reflektieren. Eine reine Nacherzählung des Tages liefert noch keine Reflexion, sondern nur eine Beschreibung.
- Bei „war gut“ oder „war nicht so gut“ stehen bleiben. Ohne eine nachvollziehbare Begründung bleibt jede Bewertung am Ende wertlos.
- Die eigene Gefühlsebene auslassen. Gedanken und Gefühle gehören in jedes der vier vorgestellten Modelle hinein.
- Sich rechtfertigen statt reflektieren. Eine gute Reflexion sucht Erkenntnis und keine Verteidigung des eigenen Handelns.
- Ohne Handlungsplan enden. Ohne einen ganz konkreten nächsten Schritt fehlt der wichtigste Teil der gesamten Reflexion.
- Die Reflexion Wochen später aus dem Gedächtnis schreiben. Details und Gefühle verblassen schnell, oft schon nach wenigen Tagen.
- Kein Modell und keine Struktur nutzen. Ohne eine erkennbare Gliederung wirkt der Text schnell unfertig und zusammenhanglos.
- Bewohnerinnen und Bewohner namentlich nennen. Das verletzt den Datenschutz. Nutze stattdessen ein Kürzel wie „Frau K.“.
- Zu viele Situationen in einem Text vermischen. Eine einzige, klar abgegrenzte Situation trägt den Text meistens besser.
Häufige Fragen
Welches Reflexionsmodell wird in der Pflegeausbildung am häufigsten verwendet?
Am weitesten verbreitet ist der Gibbs Reflective Cycle, weil seine sechs Schritte konkret vorgeben, was ein Text enthalten soll. Quelle: Graham Gibbs, „Learning by Doing“, 1988. Manche Schulen setzen stattdessen auf Korthagen oder auf die einfachere Driscoll-Fassung. Frag im Zweifel nach, welches Modell an Deiner Schule gilt.
Wie bereite ich mich auf ein Reflexionsgespräch vor?
Notiere Dir die Situation stichpunktartig, solange sie noch frisch in Deinem Gedächtnis ist. Geh die sieben Punkte aus dem Abschnitt oben in Ruhe durch, bevor das Gespräch beginnt. So wirkst Du vorbereitet, ohne den Text auswendig vortragen zu müssen.
Was ist der Unterschied zwischen Beschreiben und Reflektieren?
Beschreiben sagt, was passiert ist. Reflektieren sagt, was das für Dich bedeutet und was daraus folgt. Eine Reflexion ohne Bewertung, Analyse und Schlussfolgerung ist am Ende nur die halbe Arbeit.
Muss ich in der Reflexion echte Namen nennen?
Nein. Nutze ein Kürzel, niemals den echten Namen einer Bewohnerin oder eines Bewohners. Das schützt die Persönlichkeitsrechte und ist auch in Prüfungen so allgemein üblich.
Welche Reflexionsmethoden gibt es außer den vier vorgestellten Modellen?
Daneben genutzt werden zum Beispiel das Reflexionstagebuch, die kollegiale Fallberatung und die Supervision. Sie ergänzen die vier Modelle eher, als dass sie sie ersetzen.
Quellen
- Gibbs, G. (1988): Learning by Doing: A Guide to Teaching and Learning Methods. Oxford: Further Education Unit.
- Korthagen, F. A. J. u. a. (2001): Linking Practice and Theory: The Pedagogy of Realistic Teacher Education. Mahwah: Lawrence Erlbaum. Modellentwicklung ab 1993.
- Driscoll, J. (1994): Reflective practice for practise. In: Senior Nurse, 13, S. 47-50.
- Rolfe, G., Freshwater, D., Jasper, M. (2001): Critical Reflection for Nursing and the Helping Professions: A User’s Guide. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
- Borton, T. (1970): Reach, Touch and Teach. New York: McGraw-Hill.
Stand: 25.08.2026.
Du leitest Auszubildende an? Die Weiterbildung Praxisanleitung macht aus dieser Aufgabe eine anerkannte Qualifikation.




