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Milieutherapie – Muss ich dazu irgendwas Wichtiges wissen?

Lisa Ruchnewitz
Illustration zum Beitrag: Milieutherapie – Muss ich dazu irgendwas Wichtiges wissen?

Ich hatte kürzlich in Vorbereitung auf ein Webinar eine interessante Unterhaltung in einem Pflegeheim. Dabei ist der Satz aus der Überschrift gefallen. Wie wir dabei festgestellt haben, ist das jetzt gerade „kein Thema“. Also scheinbar kein aktuelles Thema wie z.B. die neue Pflegeausbildung oder die sich verändernden MD Prüfkriterien.

Lesezeit: 7 Minute / 860 Wörter

Was ist Milieutherapie?

Als wir aber länger gesprochen haben, da wurde schnell klar, es ist ein Thema was kontinuierlich aktuell ist und bleibt, worüber sich aber nicht häufig bewusst Gedanken gemacht wird, was aber prägnante Folgen hat.

Milieutherapie…was ist das eigentlich? Viele denken dabei daran, dass Bewohner in Pflegeheimen z.B. eigene Möbel mitbringen dürfen, aber ist das Milieutherapie und woher kommt sie?

Darauf gibt es ein paar Antworten, die uns ganz schnell wegbringen von der Idee der Zimmermöblierung.

Definitionen

Die Definitionen sehen folgendermaßen aus: „Sammelbegriff für Verfahren, die das räumliche und soziale Milieu innerhalb vorwiegend psychiatrischer Institutionen möglichst krankenhaus-unähnlich und kommunikationsfördernd zu gestalten zu versuchen!“ (Aus: Graber-Dünow 2003).

Das Milieu: Milieu lässt sich allgemein definieren als soziales Umfeld, Umgebung, der ein Mensch angehört, in der er lebt, die ihn prägt oder- schon etwas konkreter- als die Gesamtheit der natürlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten, die auf einen Menschen, eine Schicht oder eine soziale Gruppe einwirken. Das Milieu beeinflusst maßgeblich die Erfahrungen und damit zugleich die Art und Weise des Denkens, Wertens und Entscheidens“ (ebda. S.13)

Diese etwas sperrig wirkenden Definitionen sagen eigentlich aus, dass das Milieu Auswirkungen hat, auf die Menschen, die in ihm leben. Es ist immer wirksam, seinem Einfluss kann sich niemand entziehen. Natürlich kann es positiv und negativ wirken und somit förderlich oder hinderlich sein, es kann auch sehr ambivalent erlebt werden, was auf den einen Menschen als erlebte Sicherheit wirkt, kann dem anderen das Gefühl des „eingesperrt seins“ geben. Hier geht es immer um die Relation zu den eigenen Bedürfnissen.

Es gibt allerdings einige Aspekte die sich tendenziell eher negativ auswirken und einige die sich eher positiv auswirken. Damit sollte sich eine Pflegeeinrichtung beschäftigt haben, denn -wenn wir einmal das Beispiel einer psychiatrischen Einrichtung nehmen-, hat die Gestaltung des Milieus einen großen Einfluss auf die evtl. Genesung oder Besserung der Symptomatik, zumindest aber den Verlauf des gesamten Aufenthaltes. Auch in der stationären Altenpflege spielt das Milieu eine sehr große Rolle, denn es geht darum den Bewohnern zu ermöglichen anzukommen und ihren Lebensabend dort zu verbringen.

Was gehört zur Milieutherapie?

Was gehört denn nun aber dazu, zur Milieutherapie?

Dienstleistungsangebote, Gruppenaktivitäten, Strukturierung des Alltags

Strukturierung der therapeutischen Gemeinschaft, Kleidung, Sprache

Wohncharakter u.v.m.

Es gibt verschiedene milieutherapeutische Gestaltungsmerkmale einer Einrichtung die weit über eine Eigenmöblierung hinausgehen. Dazu gehören: Ausstattung, Infrastruktur, Räumliche Gestaltung, Tagesablaufgestaltung, Kulturelle Angebote, Bewohnerstruktur, Hauswirtschaftliche Versorgung, Bezug zum Gemeinwesen

Organisationsstruktur, Personelle Ausstattung, Kommunikationsstruktur, Beziehungsstrukturen zwischen Bewohnern, Mitarbeitern und Angehörigen, Angebote, Therapeutische Angebote, Pflegephilosophie

Größe und Lage. Das ist eine ganze Menge, wenn man sich Gedanken über die Ausgestaltung jedes einzelnen Aspektes macht.

Es beginnt beim Einzug eines Bewohners in eine Einrichtung mit der Frage der Integration. Welche Integrationshilfen gibt es? (z.B. Informationsvermittlung, Gestaltung des Aufnahmetages, Örtlichkeiten, Personen, Aktivitäten, Tagesstrukturierung unter Berücksichtigung der Therapie, Wohnraumgestaltung usw.) bis hin zu Beziehungsstrukturen, Kommunikationsstrukturen und Tagesablaufgestaltung.

Es geht an dieser Stelle darum, dass dem neuen Bewohner das Gefühl vermittelt wird, das er willkommen ist und erwartet wird. Das wirkt auf den ersten Blick erst einmal banal, sieht in der Praxis aber häufig nicht so aus. Da muss man sich nur einmal die vielen Einzüge und Aufnahmetage vorstellen, die wir alle schon erlebt haben und man weiß, dass ein Konzept zur Aufnahme von neuen Bewohnern zwar häufig auf dem Papier besteht aber der Alltag nicht selten „dazwischenfunkt“.

Was muss man über Milieutherapie wissen?

Zurück zu unserer Überschrift „Muss ich dazu irgendwas wichtiges wissen“? Darauf gibt es nur eine Antwort: „Ja!“

Ich habe gerade ein sehr eindrückliches Beispiel erlebt von einer psychiatrischen Patientin, die erst in einer Einrichtung war, wo keiner unserer genannten Aspekte berücksichtigt wurde. Es gab keine Eingewöhnung, Vorstellung, Biographiearbeit, kein Eingehen auf Wünsche zur Tagesgestaltung und keinen Beziehungsaufbau. Die Folgen: Die Patientin war misstrauisch, wahnhaft, unkooperativ und verschlossen. Es wurde kein Therapieerfolg sichtbar.

Nach einem Umzug in eine andere Einrichtung in der folgendes stattfand: Beziehungs- und Vertrauensaufbau, biografisches annähern an die Patientin,  es wurde die Möglichkeiten geschaffen Eigenverantwortung zu übernehmen und mitzuentscheiden, den Tagesablauf zu gestalten und kommunikativ vermittelt nach diesen Aspekten, besserte sich das Krankheitsbild insofern, dass die Patientin deutlich zugewandter war, an Angeboten teilnahm und von sich aus kommunizierte.

Hier war ganz eindrücklich das Einwirken des Milieus zu erkennen und die Umgebungsfaktoren einschließlich der Beziehungsaufbau haben dazu beigetragen, dass Dinge möglich wurden, die noch einige Wochen vorher unmöglich schienen.

Es geht hier aber nicht darum, Wunder vollbringen zu wollen, sondern alle Aspekte zu kennen, die in der Milieutherapie von Bedeutung sind, und diese nutzbar zu machen.

Aus der Webinarvorbereitung ist ein E-learningkurs entstanden, der die wichtigsten Aspekte erklärt und darauf eingeht worauf in der Umsetzung das Augenmerk liegen kann.

Vielleicht haben Sie ja Lust einmal reinzuschauen?! Wenn ja, viel Freude dabei!

Ansonsten bis zum nächsten Beitrag

Bleiben Sie gesund

Ihre Lisa Ruchnewitz

Hugo, der Löwe der HÖHER Akademie, im Pflegeflieger

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